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Magdeburg, 29.09.2008.
Sehen ist ein hoch komplexer Vorgang, bei dem die Augen
und das Gehirn ständig Höchstleistungen vollbringen.
Etwa 80% des menschlichen Handelns werden bei sehend
Großgewordenen unbewusst visuell kontrolliert und
gesteuert. Besondere Bedeutung kommt hier dem zentralen
Gesichtsfeld zu. Fehlen Teile der visuellen Wahrnehmung,
z.B. als Folge eines Schlaganfalls oder
Schädel-Hirn-Traumas, so kann sich dies im Alltag gravierend auswirken.
Einschränkungen der Selbständigkeit bis hin zum Verlust
des Arbeitsplatzes können die Folge sein.
Selbstverständliche Dinge wie am Tisch essen, Fernsehen,
Lesen und Autofahren werden schwierig.
Die Visuelle RestitutionsTherapie (VRT) ist ein neues
Verfahren, das erworbene Gesichtsfeldausfälle
verkleinern kann. Die Therapie
basiert auf dem Ansatz der Neuroplastizität, die
Fähigkeit des Gehirns sich selbst zu reparieren. Durch
spezifische Lichtstimulation ist es möglich,
teilgeschädigte Gehirnareale wieder zu aktivieren und
damit das Sehen zu verbessern. Diese Wirkung konnte
jüngst durch bildgebende Verfahren gezeigt werden
(Marshall et al., NNR, 2008).
Die Patienten führen die Therapie täglich zu Hause für
eine Dauer von mindestens 6 Monaten durch. Die Aufgabe
besteht in der Erkennung und Bestätigung von Lichtreizen
(Stimuli), die zwischen dem intakten und defekten
Gesichtsfeld auf dem Monitor präsentiert werden.
Eine kontrollierte Studie (Mast et al., Akt Neurol, 2008) hat jüngst
die Wirksamkeit der VRT bei 72 Patienten mit
Gesichtsfeldausfall (Durchschnittsalter: 57 Jahre) nach
Schlaganfall (95%) untersucht. Nach 6 Monaten Behandlung
mit der VRT (hochrepetitive visuelle Stimulation)
zeigten sich signifikante Verbesserungen sowohl
hinsichtlich Detektionsrate, Größe des defekten
Gesichtsfeldes und Leseleistung.
„Die Studie unterstreicht die klinische Wirksamkeit der
VRT. Die Ergebnisse sind der Beweis dafür, dass bei
Patienten mit Sehstörungen nach Hirnschädigung, welche
mit dem restitutiven Verfahren trainiert haben, verloren
gegangene Sehfunktionen wiederhergestellt werden können
– und damit die Lebensqualität dieser Patienten
erheblich verbessert werden kann“ berichtet Professor
Henning Mast, Direktor der Klinik für Neurologie an den
BG-Kliniken Bergmannstrost, Halle/Saale.
Bisher wurden in Deutschland bereits mehr als 1200
Patienten behandelt. Die Therapie kann zuhause am
eigenen Computer durchgeführt werden. 65% der Patienten
erzielen nach 6 Monaten Sehtherapie eine messbare
Verbesserung ihres Sehens. Sie können sich zu Hause und
im Straßenverkehr auch ohne fremde Hilfe sicherer
bewegen. Lesen, Schreiben, Fernsehen und
Bildschirmarbeit fallen wieder leichter. Patienten haben
weniger Zusammenstöße mit Personen und Gegenständen,
fühlen sich beruflichen Anforderungen besser gewachsen
und können aufgegebene Hobbys wieder genießen.
Jedes Jahr erleiden in Deutschland mehr als 450.000
Menschen einen Schlaganfall oder eine unfallbedingte
Schädel-Hirn-Verletzung. Bei etwa 20% dieser Patienten
kommt es zu neurologisch bedingten Sehstörungen, wie zum
Beispiel der halbseitigen Blindheit (Hemianopsie).
Angesichts dieses Problemdrucks wurde speziell für die
Berufsgruppe der Optometristen und Optiker ein Visuelles
Screening-Verfahren entwickelt. Es handelt sich um eine
hochauflösende computergestützte Vermessung des
zentralen Gesichtsfeldes. Das Screening dient der
Identifikation von Funktionsbeeinträchtigungen, wie z.B.
visuellen Wahrnehmungs-, Verarbeitungs-, Fusions- oder
Sehstörungen nach cerebralen Läsionen.
Für Betroffene und Interessierte ist eine Hotline beim
Zentrum für Sehtherapie NovaVision eingerichtet worden:
0391-6360050. Mehr Informationen erhalten sie im
Internet unter
www.novavision.de. |