"Die Radtour durch Südfrankreich hatte ein tragisches Ende: Bei der Abfahrt vom Mont Ventoux, dem Olymp der Tour de France, stürzte Peter B. und wurde mit schweren Kopfverletzungen ins Spital eingeliefert. In den Monaten danach musste der 38-jährige Bauingenieur mühsam wieder laufen und sprechen lernen. Bei einer Unfallfolge machten ihm die Ärzte jedoch wenig Hoffnung: Der Verlust des rechten Sehfeldes beider Augen sei irreversibel.
Durch den Unfall wurde ein kleines Areal im Gehirn beschädigt, das die Informationen verarbeitet, die mit der linken Seite beider Augen wahrgenommen werden. Grosse Schatten hatten sich dadurch von rechts in B.s Blickfeld geschoben, er konnte seine Umwelt nur noch in Ausschnitten wahrnehmen. "Ich konnte die Ampel nicht sehen. Auf der Strasse musste ich geführt werden", sagt Peter B. Heute, fast drei Jahre nach dem Unfall, kann er allen Voraussagen zum Trotz wieder Rad fahren. Das neue Computertraining "visuelle Restitutionstherapie" hat sein Gesichtsfeld wieder erweitert.
Mit dem Programm, das Ärzte der Universität Magdeburg entwickelten, hat Peter B. sechs Monate lang zweimal täglich zu Hause an seinem Computer trainiert. Der Kopf ruht auf einer Kinnstütze. Jeweils 30 Minuten lang musste er ein grünes Quadrat in der Mitte des Bildschirms fixieren. Das Programm projiziert Lichtblitze gezielt in die "blinden" Bereiche des Monitors. Jeden erkannten Blitz muss der Patient per Tastendruck quittieren.
Eine Mehrheit der Patienten berichtet von Verbesserungen
Gleich mehrere Studien belegen nun den Erfolg des Sehtrainings: Bei einer retrospektiven Befragung von 69 Patienten berichteten 88 Prozent von einer Verbesserung. Nachdem das Therapie-programm leicht verändert wurde, ergab eine weitere Studie mit 19 Patienten, dass das neue Verfahren die Sicht der Patienten sogar noch effektiver erweitert.
Allerdings gibt es keine Erfolgsgarantie. "Leider können nicht alle Patienten ihr Sehfeld verbessern", sagt der Direktor des Magdeburger Instituts für medizinische Psychologie, Bernhard Sabel, der das Programm entwickelt hat. Rund ein Drittel der Betroffenen verzeichne Fortschritte, bei einem weiteren Drittel könne gar von einer "fantastischen Verbesserung" gesprochen werden. "Einige Patienten haben nach der Therapie ein bis zu 30 Grad weiteres Blickfeld", sagt Sabel. Doch selbst weniger grosse Erfolge könnten die Lebensqualität der Betroffenen bereits deutlich verbessern.
Die Idee hinter der Therapie: Sabel und seine Kollegen gehen davon aus, dass im Übergangsbereich zwischen gesundem und geschädigtem Hirn-Areal nicht alle Nervenzellen absterben. Zudem kann sich das Gehirn am Rand des geschädigten Bereichs neu organisieren. Das Training soll den Reorganisationsprozess fördern und die überlebenden Nervenzellen neu verschalten. "Wir glauben, dass es ähnlich funktioniert wie beim Lernen", so Sabel. Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen stabilisieren sich durch regelmässige Aktivierung. Das genügt, um einen Teil der Sicht wiederzuerlangen. "Das Nervensystem kann auch bei minimaler Zellausstattung viel leisten", sagt der Wissenschaftler.
Eine Studie mit 24 Patienten, die vor kurzem bei der Jahrestagung der Amerikanischen Schlaganfall-Gesellschaft vorgestellt wurde, belegt, dass die Erfolge lange anhalten. Selbst Trainingspausen von mehreren Jahren verringerten die Sehfelder der Patienten nicht. Allerdings scheint es auch eine Grenze des Fortschritts zu geben. Eine Verdopplung der Trainingszeit auf ein Jahr brachte nur noch geringe Verbesserungen.
Ausser in Deutschland und in den USA wird die neue Therapie auch in der Schweiz bereits angewendet. Zwei Zentren in Rheinfelden und Valens bieten das Gesichtsfeld-Training an. Derzeit kämpfen dort sechs Patienten gegen die schwarzen Flecken in ihren Sehfeldern..."
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