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"Das Leben ändert sich von einem Tag auf
den anderen. Nach einem schweren Schlaganfall sind viele
Menschen gelähmt, haben Probleme zu sprechen oder
können nicht mehr richtig sehen - je nachdem, welche
Nervenzellen in ihrem Gehirn durch den Infarkt zerstört
worden sind. Sie können nicht mehr arbeiten, nicht
mehr ihren Hobbys nachgehen, selbst Lesen oder Fernsehen
wird mühsam. Ein Leben außerhalb der eigenen
vier Wände ist für viele unvorstellbar.
Durch intensives Training können die Patienten
zwar oft ihre Beweglichkeit und ihre Sprache wiedererlangen.
Die verminderte Sehfähigkeit galt jedoch noch bis
vor kurzem als unheilbar. Sie entsteht dadurch, dass
bei dem Hirninfarkt Nervenzellen des Sehnervs oder des
Sehzentrums im Gehirn geschädigt werden. Die Patienten
leiden dann unter bleibenden Ausfällen des Gesichtsfeldes.
Das heißt: Die Betroffenen sehen ihre Umgebung
nur bruchstückhaft; andere Bereiche sind verzerrt,
verwischt oder gar verschwunden. Die Patienten stoßen
ständig gegen Dinge und Menschen, rammen Ecken
und Kanten, übersehen Ampeln, Schilder, Autos und
Radfahrer.
Zu Hause üben
Mit einem Training, das Magdeburger Wissenschaftler
in den neunziger Jahren entwickelt haben, lassen sich
die Schatten im Blick aufhellen. Das Prinzip hinter
der Methode ist einfach: Diejenigen Nervenzellen, die
durch den Infarkt nicht getötet, sondern nur beschädigt
wurden, werden so lange mit Lichtreize stimuliert, bis
sie schließlich eine Reaktion zeigen - und anfangen,
die eingehenden Informationen wieder zu verarbeiten.
Da das Training zu Hause am Computer absolviert werden
kann, bleiben den Patienten mühsame Anfahrtswege
oder gar ein langer Klinikaufenthalt erspart.
Zu Beginn der Therapie müssen die Neurologen herausfinden,
welche Nervenzellen intakt, welche beschädigt und
welche abgestorben sind. "Die Erfahrung hat gezeigt,
dass Nervenzellen, die durch das Training reaktivierbar
sind, meist in der Übergangszone zwischen dem gesunden
und dem toten Hirngewebe liegen", sagt Bernhard
Sabel, der Direktor des Instituts für Medizinische
Psychologie an der Universität Magdeburg und Erfinder
des Sehtrainings am Computer.
Aus seiner Idee ist eine Firma hervorgegangen. Sabel
gründete im Jahr 2000 das Unternehmen Novavision
und leitete es zwei Jahre. Heute entwickeln 15 Mitarbeiter
das Verfahren weiter. "Wir bieten eine Rundumbetreuung
des Patienten von der Diagnose am Anfang über die
Therapie bis zum Abschlussbericht an", sagt der
Geschäftsführer Dirk Müller-Remus.
Zu Beginn der Behandlung wird das Gesichtsfeld vermessen.
Dabei sitzen die Patienten vor einem Computermonitor;
ihr Kopf ruht auf einer Kinnstütze und die Augen
fixieren einen Punkt in der Bildschirmmitte (siehe kleines
Foto). Nun tauchen überall auf dem Bildschirm in
kurzen Abständen leuchtende Punkte auf. Sieht der
Patient einen solchen Punkt, dann bestätigt er
das per Mausklick. So erkennen die Ärzte exakt,
welche Bereiche des Gesichtsfeldes fehlen.
Für das Training zu Hause erhält der Patient
eine speziell auf ihn zugeschnittene Software. Sie lässt
die Lichtreize genau in der Übergangszone zwischen
dem intakten und dem ausgefallenen Gesichtsfeld aufleuchten.
So werden hauptsächlich die beschädigten Nervenzellen
stimuliert. Zweimal am Tag sollen die Patienten üben,
mindestens sechs Monate lang. "So wie regelmäßiges
Krafttraining die Muskeln stärkt, verbessert die
Sehtherapie die Aktivität der Nervenzellen in den
teilgeschädigten Hirnbereichen", erklärt
Sabel.
Ungefähr einmal im Monat wird das Programm an die
veränderten Bedürfnisse des Patienten angepasst.
Dann hat sich das Gesichtsfeld oft ein wenig vergrößert,
so dass auch die Übergangszone nicht mehr genau
da ist, wo sie zu Beginn des Trainings war. "Das
ist so ähnlich wie beim Krafttraining, wenn man
ein halbes Kilo mehr auflegt", sagt Sabel.
Auch Tumorkranke profitieren
In Deutschland haben inzwischen rund achthundert Patienten
das Training absolviert. Die meisten von ihnen hatten
zuvor einen Schlaganfall erlitten, andere hatten einen
Teil ihrer Sehkraft durch einen Hirntumor oder eine
schwere Hirnverletzung eingebüßt.
Auch in den USA werden Patienten nach dem Verfahren
behandelt. Die dort zuständige Arzneimittelbehörde
FDA hat die Therapie anerkannt. In Deutschland erfüllt
sie die Voraussetzungen des Medizinproduktegesetzes.
Die Kosten für sechs Monate Sehtherapie - bis zu
dreitausend Euro - müssen die Patienten hier zu
Lande meist selbst bezahlen. Krankenkassen kommen bisher
nur in Einzelfällen dafür auf.
Dass die Methode erfolgreich ist, zeigt unter anderem
eine Studie an etwa dreihundert Patienten, die kürzlich
auf einem internationalen Symposium der Universität
Magdeburg vorgestellt wurde. Ihr zufolge verspürten
etwa zwei Drittel der Probanden nach einem halben Jahr
Training eine deutliche Verbesserung ihrer Sehkraft.
Ein Drittel der Patienten gab an, dass sie sich beruflichen
Anforderungen wieder besser gewachsen fühlten und
aufgegebene Hobbys wieder aufgenommen hätten. Dabei
machte es keinen Unterschied, ob die Schädigung
des Hirns bei Trainingsbeginn erst wenige Wochen oder
mehrere Jahre zurücklag.
Die erzielten Verbesserungen scheinen zudem von Dauer
zu sein. Kontrolluntersuchungen nach drei Jahren deuten
bislang nicht darauf hin, dass sich die Sehkraft der
Patienten nach dem Ende des Trainings wieder verschlechtert.
Das berichteten die Magdeburger Forscher vor kurzem
auf der Jahrestagung der Amerikanischen Schlaganfallgesellschaft
in New Orleans.
Warum ein Drittel der Patienten auf das Training nicht
reagiert, ist noch unklar. "Möglicherweise
ist bei diesen Menschen die Grenze zwischen intaktem
und abgestorbenem Hirngewebe schärfer, so dass
sich nur wenige reaktivierbare Nervenzellen finden lassen",
sagt Sabel. Beweise für diese Theorie gibt es bisher
aber nicht.
Seit einem halben Jahr wird das Sehtraining, das die
Ärzte als Visuelle Restitutionstherapie bezeichnen,
auch in der Median Klinik Berlin in Kladow angeboten.
Karl-Heinz Mauritz, Ärztlicher Direktor der Klinik,
dämpft übertriebene Erwartungen: "Das
gesamte blinde Feld lässt sich nicht wegtherapieren",
sagt er. Bei vielen Patienten vergrößere
sich das Gesichtsfeld nur um drei, vier Winkelgrade.
"Doch für den Alltag bedeuten auch solch winzige
Verbesserungen einen ganze Menge", betont Mauritz.
Bernhard Sabel und seine Kollegen tüfteln derweil
an einer verbesserten Trainingsversion. Dabei wird der
Patient zwar weiterhin aufgefordert, den Punkt in der
Mitte des Bildschirms zu fixieren. Seine Aufmerksamkeit
aber soll er einem zuvor rot markierten Bereich am Rande
des Gesichtsfeldes widmen, in dem dann verstärkt
Lichtblitze auftauchen. Wie die Mediziner kürzlich
in einer Studie zeigten, die sie in der Fachzeitschrift
Neurology veröffentlichten, lassen sich die brach
liegenden Nervenzellen durch die gezielte Aufmerksamkeit
besonders gut aktivieren.
Im Licht der Aufmerksamkeit
Warum das so ist, weiß man ebenfalls noch nicht
genau. Sabel versucht, die Befunde mit einem Bild zu
erklären: "Gesetzt den Fall, man geht mit
einer Taschenlampe in einen dunklen Keller. Wenn man
den Kegel weit stellt, sind eine Menge Dinge verschwommen
im Schummerlicht zu sehen. Stellt man den Kegel eng
und richtet die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt
- eine Kiste etwa -, dann ist dort mehr zu sehen. Und
in der Kiste kann man vielleicht genau das finden, was
man gesucht hat." Vielleicht das vor langer Zeit
weggeräumte Lieblingsbuch. Oder die Laufschuhe.
Irgendetwas, das man ohne das Sehtraining nie mehr hätte
gebrauchen können..."
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