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Berliner Zeitung | 29. November 2005
 
Lichtblick nach dem Schlaganfall
 
Wir zitieren:
 
"Nach einem Hirninfarkt leiden viele Betroffene an Sehstörungen. Ein Training am Computer schärft den Blick."
 

"Das Leben ändert sich von einem Tag auf den anderen. Nach einem schweren Schlaganfall sind viele Menschen gelähmt, haben Probleme zu sprechen oder können nicht mehr richtig sehen - je nachdem, welche Nervenzellen in ihrem Gehirn durch den Infarkt zerstört worden sind. Sie können nicht mehr arbeiten, nicht mehr ihren Hobbys nachgehen, selbst Lesen oder Fernsehen wird mühsam. Ein Leben außerhalb der eigenen vier Wände ist für viele unvorstellbar.

Durch intensives Training können die Patienten zwar oft ihre Beweglichkeit und ihre Sprache wiedererlangen. Die verminderte Sehfähigkeit galt jedoch noch bis vor kurzem als unheilbar. Sie entsteht dadurch, dass bei dem Hirninfarkt Nervenzellen des Sehnervs oder des Sehzentrums im Gehirn geschädigt werden. Die Patienten leiden dann unter bleibenden Ausfällen des Gesichtsfeldes. Das heißt: Die Betroffenen sehen ihre Umgebung nur bruchstückhaft; andere Bereiche sind verzerrt, verwischt oder gar verschwunden. Die Patienten stoßen ständig gegen Dinge und Menschen, rammen Ecken und Kanten, übersehen Ampeln, Schilder, Autos und Radfahrer.

Zu Hause üben
Mit einem Training, das Magdeburger Wissenschaftler in den neunziger Jahren entwickelt haben, lassen sich die Schatten im Blick aufhellen. Das Prinzip hinter der Methode ist einfach: Diejenigen Nervenzellen, die durch den Infarkt nicht getötet, sondern nur beschädigt wurden, werden so lange mit Lichtreize stimuliert, bis sie schließlich eine Reaktion zeigen - und anfangen, die eingehenden Informationen wieder zu verarbeiten. Da das Training zu Hause am Computer absolviert werden kann, bleiben den Patienten mühsame Anfahrtswege oder gar ein langer Klinikaufenthalt erspart.

Zu Beginn der Therapie müssen die Neurologen herausfinden, welche Nervenzellen intakt, welche beschädigt und welche abgestorben sind. "Die Erfahrung hat gezeigt, dass Nervenzellen, die durch das Training reaktivierbar sind, meist in der Übergangszone zwischen dem gesunden und dem toten Hirngewebe liegen", sagt Bernhard Sabel, der Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie an der Universität Magdeburg und Erfinder des Sehtrainings am Computer.

Aus seiner Idee ist eine Firma hervorgegangen. Sabel gründete im Jahr 2000 das Unternehmen Novavision und leitete es zwei Jahre. Heute entwickeln 15 Mitarbeiter das Verfahren weiter. "Wir bieten eine Rundumbetreuung des Patienten von der Diagnose am Anfang über die Therapie bis zum Abschlussbericht an", sagt der Geschäftsführer Dirk Müller-Remus.

Zu Beginn der Behandlung wird das Gesichtsfeld vermessen. Dabei sitzen die Patienten vor einem Computermonitor; ihr Kopf ruht auf einer Kinnstütze und die Augen fixieren einen Punkt in der Bildschirmmitte (siehe kleines Foto). Nun tauchen überall auf dem Bildschirm in kurzen Abständen leuchtende Punkte auf. Sieht der Patient einen solchen Punkt, dann bestätigt er das per Mausklick. So erkennen die Ärzte exakt, welche Bereiche des Gesichtsfeldes fehlen.

Für das Training zu Hause erhält der Patient eine speziell auf ihn zugeschnittene Software. Sie lässt die Lichtreize genau in der Übergangszone zwischen dem intakten und dem ausgefallenen Gesichtsfeld aufleuchten. So werden hauptsächlich die beschädigten Nervenzellen stimuliert. Zweimal am Tag sollen die Patienten üben, mindestens sechs Monate lang. "So wie regelmäßiges Krafttraining die Muskeln stärkt, verbessert die Sehtherapie die Aktivität der Nervenzellen in den teilgeschädigten Hirnbereichen", erklärt Sabel.

Ungefähr einmal im Monat wird das Programm an die veränderten Bedürfnisse des Patienten angepasst. Dann hat sich das Gesichtsfeld oft ein wenig vergrößert, so dass auch die Übergangszone nicht mehr genau da ist, wo sie zu Beginn des Trainings war. "Das ist so ähnlich wie beim Krafttraining, wenn man ein halbes Kilo mehr auflegt", sagt Sabel.

Auch Tumorkranke profitieren
In Deutschland haben inzwischen rund achthundert Patienten das Training absolviert. Die meisten von ihnen hatten zuvor einen Schlaganfall erlitten, andere hatten einen Teil ihrer Sehkraft durch einen Hirntumor oder eine schwere Hirnverletzung eingebüßt.

Auch in den USA werden Patienten nach dem Verfahren behandelt. Die dort zuständige Arzneimittelbehörde FDA hat die Therapie anerkannt. In Deutschland erfüllt sie die Voraussetzungen des Medizinproduktegesetzes. Die Kosten für sechs Monate Sehtherapie - bis zu dreitausend Euro - müssen die Patienten hier zu Lande meist selbst bezahlen. Krankenkassen kommen bisher nur in Einzelfällen dafür auf.

Dass die Methode erfolgreich ist, zeigt unter anderem eine Studie an etwa dreihundert Patienten, die kürzlich auf einem internationalen Symposium der Universität Magdeburg vorgestellt wurde. Ihr zufolge verspürten etwa zwei Drittel der Probanden nach einem halben Jahr Training eine deutliche Verbesserung ihrer Sehkraft. Ein Drittel der Patienten gab an, dass sie sich beruflichen Anforderungen wieder besser gewachsen fühlten und aufgegebene Hobbys wieder aufgenommen hätten. Dabei machte es keinen Unterschied, ob die Schädigung des Hirns bei Trainingsbeginn erst wenige Wochen oder mehrere Jahre zurücklag.

Die erzielten Verbesserungen scheinen zudem von Dauer zu sein. Kontrolluntersuchungen nach drei Jahren deuten bislang nicht darauf hin, dass sich die Sehkraft der Patienten nach dem Ende des Trainings wieder verschlechtert. Das berichteten die Magdeburger Forscher vor kurzem auf der Jahrestagung der Amerikanischen Schlaganfallgesellschaft in New Orleans.

Warum ein Drittel der Patienten auf das Training nicht reagiert, ist noch unklar. "Möglicherweise ist bei diesen Menschen die Grenze zwischen intaktem und abgestorbenem Hirngewebe schärfer, so dass sich nur wenige reaktivierbare Nervenzellen finden lassen", sagt Sabel. Beweise für diese Theorie gibt es bisher aber nicht.

Seit einem halben Jahr wird das Sehtraining, das die Ärzte als Visuelle Restitutionstherapie bezeichnen, auch in der Median Klinik Berlin in Kladow angeboten. Karl-Heinz Mauritz, Ärztlicher Direktor der Klinik, dämpft übertriebene Erwartungen: "Das gesamte blinde Feld lässt sich nicht wegtherapieren", sagt er. Bei vielen Patienten vergrößere sich das Gesichtsfeld nur um drei, vier Winkelgrade. "Doch für den Alltag bedeuten auch solch winzige Verbesserungen einen ganze Menge", betont Mauritz.

Bernhard Sabel und seine Kollegen tüfteln derweil an einer verbesserten Trainingsversion. Dabei wird der Patient zwar weiterhin aufgefordert, den Punkt in der Mitte des Bildschirms zu fixieren. Seine Aufmerksamkeit aber soll er einem zuvor rot markierten Bereich am Rande des Gesichtsfeldes widmen, in dem dann verstärkt Lichtblitze auftauchen. Wie die Mediziner kürzlich in einer Studie zeigten, die sie in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlichten, lassen sich die brach liegenden Nervenzellen durch die gezielte Aufmerksamkeit besonders gut aktivieren.

Im Licht der Aufmerksamkeit
Warum das so ist, weiß man ebenfalls noch nicht genau. Sabel versucht, die Befunde mit einem Bild zu erklären: "Gesetzt den Fall, man geht mit einer Taschenlampe in einen dunklen Keller. Wenn man den Kegel weit stellt, sind eine Menge Dinge verschwommen im Schummerlicht zu sehen. Stellt man den Kegel eng und richtet die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt - eine Kiste etwa -, dann ist dort mehr zu sehen. Und in der Kiste kann man vielleicht genau das finden, was man gesucht hat." Vielleicht das vor langer Zeit weggeräumte Lieblingsbuch. Oder die Laufschuhe. Irgendetwas, das man ohne das Sehtraining nie mehr hätte gebrauchen können..."

 
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